Reisebericht Usbekistan

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Zauber aus 1001 Nacht

„Hodscha reitet auf seinem Esel zur Grenze seines Landes...

12.09. - 21.09.2018

Reisebericht

... und begrüßt als seine Gäste die Freunde der Freunde der Freunde eines Freundes…“. So oder ähnlich beginnen die Geschichten über das alltägliche Leben mit ihren Weisheiten in Usbekistan.
Diese Geschichte erzählt von 25 Leserinnen und Lesern der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung,  die auf einer Rundreise entlang der großen Seidenstraße durch das zentralasiatische Land Usbekistan die atemberaubende Schönheit und die Gastfreundlichkeit dieses Landes kennenlernen durften. Tradition und Moderne, Jung und Alt, Stadt und Land, Religion und Säkularismus. Sehr selten können Gegensätze so stark erlebt werden wie hier.

Zwar ist Usbekistan seit 1991 unabhängig, aber nicht nur die Sprache und der Wodka erinnern an die Zeit der Sowjetunion. Im modernen Taschkent gibt es wohl die schönsten Plattenbauten der Welt. Ein Großteil der Stadt wurde 1966 von einem schweren Erdbeben zerstört. Umso schöner war es bei einer Stadtrundfahrt zu sehen,
wie großzügig und elegant die Hauptstadt des Landes mit ca. 3 Millionen Einwohnern wieder aufgebaut wurde. Sie ist Industriestadt, Verkehrsknotenpunkt mit U-Bahn und Flughafen sowie Kulturzentrum mit Universitäten, Hochschulen, Forschungsinstituten, Theatern, Museen, Observatorium und Zoo. Wir besuchten den Hast Imam Komplex, der als das religiöse Zentrum der Stadt Taschkent gilt. Außerdem verfügt der Komplex über eine reiche Bibliothek orientalischer Handschriften. Der weltberühmte Osman-Koran ist hier ausgestellt.

Unsere Weiterfahrt nach Samarkand führte durch eine dünn besiedelte Steppenlandschaft, anfangs geprägt von blühenden Tamarisken, Baumwollfeldern und Obstplantagen. Sehr schön sind die „Raststätten“ am Wegesrand: Weinumrankte Arkaden, unter denen große Taptschanen stehen. Besonders ältere, einheimische Männer sitzen hier beisammen und diskutieren über Gott und die Welt und verkaufen nebenbei Melonen und Kürbisse. Samarkand - allein der Name erinnert an 1001 Nacht - gehört zu den ältesten Städten der Welt und liegt an der Seitenstraße, der antiken Handelsroute, die China mit dem Mittelmeer verband, wo die Ebene des Serafschan Fruchtbarkeit und Wohlstand verheißt. Am berühmten Registan-Platz lag einst das Handels- und Verwaltungszentrum, umrahmt von den schönsten Moscheen, die man im Orient finden kann. Der Platz ist von 3 mit Majolika-Keramik verzierten Koranschulen aus dem 15. und 17. Jahrhundert umgeben. Weitere Sehenswürdigkeiten sind der Gur-e-Amir, die hoch emporragende Grabstätte Timurs, des Gründers des Timuriden-Reiches. Nicht versäumen sollte man auch die Besichtigung des 1908 freigelegten Observatoriums des Ulug Bek. Die Stadt ist noch viel schöner, als ich es mir in den kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Wir erleben die monumentalen Bauten wie im Rausch: Diese Ornamente! Dieses Blau! Diese Größe! Ein Sprichwort sagt: „Überall auf der Welt kommt das Licht auf die Erde herunter, nur im heiligen Samarkand und in Buchara steigt es von der Erde hinauf.“ Und ja, genau so ist es.

Für ein authentisches Gefühl in der Jetzt-Zeit sorgt der Siyob-Basar, der eine Fülle an Fotomotiven bietet. Echte Hingucker auf dem Markt sind die vielen Melonen- und Brotstände. Riesig ist die Auswahl an Obst, Gemüse und Nüssen. Täglich kommen wir in den Genuss usbekischer Spezialitäten. Einmal in einer Karawanserei mit Folklore und ein anderes Mal privat bei einer Familie, die in ihrer Außenküche für uns das Landestypische Plov zubereitet hat. Zu dem guten Essen darf der grüne Tee nicht fehlen. Aus „medizinischen“ Gründen gibt es für uns auch noch den weißen Tee (Wodka) dazu. In diesem Sinne: Urdyk, auf Deutsch Prost. Gastfreundlichkeit wird gelebt und für uns ist sie überall spürbar. Die Menschen sind herzlich und neugierig, wir fühlen uns willkommen.

Auf dem Weg in die im Wüstensand gelegene Oasenstadt Buchara machen wir an der Geburtsstätte Timurs in Shar-e Sabs, die „grüne Stadt“ Halt. Timur errichtete hier seinen prächtigen Palast, dass Weiße Schloss Ak Sarai. Selbst die heute davon erhalten gebliebenen Ruinen vermitteln einen überwältigenden Eindruck von dessen Größe. Hier zu heiraten ist für viele Usbeken der ultimative Hit.

Buchara war schon zu Zeiten der Seidenstraße ein blühendes Handelszentrum – und handeln an den vielen Ständen mit ihren Seidenstoffen und anderen Souvenirs geht heute auch noch super. Es wohnen knapp 250.000 Menschen in der modernen, zentralasiatischen Stadt. Viele historische Bauten sind erhalten und einige Sehenswürdigkeiten über 1000 Jahre alt. Das historische Zentrum mit seinen Baukunstwerken, darunter zahlreiche Moscheen und Madāris, wird von der UNESCO seit 1993 zum Weltkulturerbe gezählt. Ein Hingucker ist das über 45 Meter hohe Kalon-Minarett. Ebenfalls sehenswert sind die kolossalen Festungsmauern des Ark, des ehemaligen Wohn- und Regierungssitzes der Emire von Buchara. Aus dem zehnten Jahrhundert stammt das Samaniden-Mausoleum und gilt damit als das älteste erhaltene Gebäude der Stadt. Vor der Medrese Chanaka Devon Begi begrüßt uns Hodscha auf seinem Esel. Er ist der wohl prominenteste Protagonist humoristischer Geschichten in Zentralasien, der uns die gesamte Reise über begleitet hat.

Unser Weg nach Chiwa führt uns durch eine Steppen- und Wüstenlandschaft. Kyzyl Kum ist eine lebendige Wüste mit über 300 verschiedenen Pflanzenarten. Seit 1967 ist Chiwa Museumsstadt, die Altstadt gleicht einem Freilichtmuseum und gehört seit Jahrzehnten zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sehenswert sind die zahlreichen Baudenkmäler aus der glanzvollen Vergangenheit der Stadt, besonders der Palast Tasch-Hauli, ein Meisterwerk der orientalischen Architektur. Das Minarett Kalta Minor sollte mit rund 70 Metern das Kalon Minarett in Buchara an Höhe übertreffen. Der Bau des grün-türkis-blauen Minaretts stoppte aber bei einer Höhe von nur 26 Metern – der Legende nach, weil der Baumeister dem Emir von Buchara ein höheres Minarett versprochen hatte. Chiwa, auch das Lehm-Labyrinth genannt, ist ein authentisch wirkender, fast märchenhafter Ort. Zum Sonnenuntergang ermöglicht die Aussichtsplattform nah am Westtor sehr schöne Blicke auf die Stadt.

Was haben wir noch gesehen und erlebt? Unendlich viel. Und selbst bei üppig bemessenen Zeilen nicht ansatzweise zu beschreiben. Islamische Kultur und Bauwerke, wohin das Auge reicht. Medressen (als Hochschulen zu verstehen), Mausoleen und Moscheen, eine erhabener als die andere. Und die vielerorts lebindigen und bunten Basare sind ein Hochgenuss – nicht nur für Frauen.
Mit der Reise nach Usbekistan haben wir eine unglaubliche Fülle an neuen Eindrücken und kulturellen Erfahrungen gewonnen. Es ist mehr eine wahrhafte Erlebnisreise als eine Urlaubsreise. Und eines ist unverkennbar: der starke Wille, das Land voranzubringen. Möge es Usbekistan gelingen, sich der Moderne zu öffnen und gleichzeitig seine stolzen und wertvollen Traditionen zu bewahren.

Claudia Paustian