Reisebericht Rom für Insider

ZURÜCK Kontakt PDF E-Mail

Der Vatikan mit Andreas Englisch

Wenn es Nacht wird in Rom, kommt eine sonderbare Stille auf.

14.11. - 17.11.2018

Reisebericht

Die Touristen sind nun aus den engen Gassen und lebendigen Vierteln des Zentrums verschwunden und erholen sich in ihren Hotels von den Strapazen viel zu langer Fußmärsche. Nur einige Bewohner der Ewigen Stadt eilen noch ein wenig geschäftig hin und her, bevor sie den Tag beim für uns Deutsche so späten Abendessen ausklingen lassen. „Es ist sehr schwierig, Abendbesichtigungen zu bekommen“, erzählt Silvia Pistolesi und geht voran durch die dunkle Nacht. „Die meisten Römer haben diese Gelegenheit nie in ihrem Leben.“ Die Reiseleiterin führt die Leser der Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung an der hohen Vatikanmauer entlang bis zum Eingang der Vatikanischen Museen. Hier wartet schon der Bestsellerautor Andreas Englisch, den die Gruppe am Tag vorher zum Abendessen bei Dorade und Limoncello getroffen hat und an diesem Morgen zur Führung durch den Petersdom. Nun also führen er und Reiseleiterin Silvia durch die berühmten Kunstsammlungen und die Sixtinische Kapelle. Ein Abenderlebnis der Extraklasse kann beginnen.

Exklusiver geht es kaum. Wo sich sonst am Tag 25.000 Besucher durch die verstopften Gänge bewegen, steht nun die kleine Gruppe aus Deutschland allein mitten in den stillen Hallen. Kein Gedränge, kein Geschiebe. Stattdessen meint man, die Geschichte atmen zu hören. Doch Zeit zum Innehalten bleibt kaum, denn Andreas Englisch entzündet ein Feuerwerk aus Fakten, Informationen und Geschichten. Der Vatikan-Journalist aus Westfalen, der seit 30 Jahren in Rom lebt, sprüht nur so vor Begeisterung. Zu jedem Werk kann er unzählige Geschichten erzählen. Geschichten von Geheimgängen, rätselhaften Kunstwerken, versteckten Botschaften und Sexskandalen. Als es den 120 Meter langen Korridor der Landkarten entlanggeht, zeigt er auf ein geeintes Italien. „Als der Kartograf Ignazio Danti aus Perugia die Karten zwischen 1580 und 1583 malte, war noch nicht einmal der Heißluftballon erfunden, geschweige denn Flugzeuge oder Satelliten“, erzählt Andreas Englisch. „Und ein geeintes Italien, wie es hier zu sehen ist, war noch unendlich weit entfernt.“ Konnte der Maler in die Zukunft schauen?

Spannendes verbirgt sich auch hinter der Aphrodite-Skulptur von Knidos. „Für diese Statue stand Phryne Modell, eine der reichsten Frauen ihrer Zeit und eine Edelprostituierte, die später deswegen angeblich wegen Gotteslästerung vor Gericht landete“, sagt der 55-Jährige. Im Eiltempo geht es weiter von Höhepunkt zu Höhepunkt. Immer wieder muss sich Andreas Englisch mit Reiseleiterin Silvia abwechseln. Die Stimme ist am Limit, der Schweiß tropft. Es gibt so viel zu erzählen und zu entdecken. Irgendwann erreicht die Gruppe schließlich die Sixtinische Kapelle, „den erstaunlichsten Raum der Welt“, so Andreas Englisch. Sechs Jahre lang bis 1541 war Michelangelo mit der Schöpfung des Riesenfreskos des Jüngsten Gerichts an der Stirnseite beschäftigt. „Hier hat der Tod keine Chance“, sagt der Journalist beim Blick auf das bunte Mammutwerk. „Dieses eine Mal verliert der Tod auf der ganzen Linie und verkriecht sich fassungslos vor Entsetzen, weil er selbst an diesem Jüngsten Tag sterben muss.“

Noch viel faszinierender sind aber die geheimen Zeichen und Codes, Anspielungen und versteckten Botschaften in der Kapelle. Auch in den Freskenzyklen links und rechts, die das Leben von Moses und Christus erzählen. Und im berühmten Deckenfresko, das die Erschaffung Adams zeigt. Warum malte Michelangelo beispielsweise Gott in einer Art Wolke, die dem Querschnitt eines menschlichen Gehirns ähnelt? „Hegte er den ketzerischen Gedanken, dass Gott eine Phantasie des menschlichen Gehirns ist?“, fragt Andreas Englisch. Eine eindeutige Antwort wird es wohl nie geben. Aber die Magie dieses Ortes hat alle erfasst. Zu schade, dass die Wächter nun endlich Feierabend machen wollen. Wenig später steht die Gruppe wieder in der sternenklaren Nacht. Leicht benommen und mit schwirrendem Kopf. Raum und Zeit scheinen sich aufgelöst zu haben. Erst in einer gemütlichen Taverne in der Nachbarschaft, in die noch einige einkehren, ordnen sich langsam die Gedanken. Beim Stimmengewirr der Einheimischen. Beim Grappa, der Kehle und Herz erwärmt. Bei der mehr als zweitausendjährigen Geschichte vor der Haustür.

Kristiane Backheuer