Reisebericht Normandie

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Der grüne Norden Frankreichs

Ach, liebe Normandie. In Dich...

07.05. - 14.05.2019

Reisebericht

...kann man sich ja nur verlieben. So viel altes Gemäuer voller Geschichte, so malerische Badeorte, so wunderschöne Natur. Dazu sorgt Dein Land für vorzüglichen Käse, schmackhaften Calvados und erfrischenden Cidre. Aber Du steckst auch voller berührender Frauengeschichten. Beispielsweise der Geschichte von Mathilde, der man erst den Hintern versohlen musste, damit sie endlich den richtigen Mann heiratete. Oder der von Léopoldine, die kurz nach ihrer Hochzeit ertrank und damit die Weltliteratur beeinflusste. Sieben Tage durften die Leser der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung Dich entdecken. Viel zu wenig Zeit.
Die erste Überraschung in Deinem Land ist gleich der Reiseführer. Ein deutscher Bretone, der Korsarenblut in den Adern hat. Kann das gut gehen? Aber ja doch. Errol Friedhelm Karakoc (51) ist seit 28 Jahren Reisebegleiter. Er schrieb als Autor und Co-Autor die Marco Polo-Reiseführer „Bretagne“ und „Normandie“ und weiß einfach alles. Mit gespitzten Ohren lauscht die Reisegruppe den vielen, vielen Geschichten hinter der Geschichte.
So geht es in Deiner kleinen Stadt Honfleur um die tapfere Therese von Lisieux (1873-1897). Die Halbwaise, die auf Fotos so spitzbübisch lächelt, schloss sich im Alter von 15 Jahren den Unbeschuhten Karmelitinnen an. Doch sie hatte es nicht leicht. Sie kämpfte sich durch innere Prüfungen und schwere Krankheiten, wurde später wegen ihrer Aufzeichnungen „Geschichte einer Seele“ heiliggesprochen. „Papst Johannes Paul II. erhob sie 1997 sogar zur Kirchenlehrerin“, sagt Errol Karakoc. „Das ist die höchste katholische Ehre. Bisher wurde dieser Titel nur 36 Mal vergeben.“ Die zweischiffige Holzkirche Sainte Catherine aus dem 15. Jahrhundert in Honfleur, erinnert noch heute an Therese. Hier im Ort hatte sie einst die Gottesmutter gebeten, ihr zu helfen, Nonne zu werden. Ihr Buch ist übrigens das nach der Bibel meistgelesene spirituelle Buch in französischer Sprache.
Auf dem Weg entlang Deines wunderschönen Seine-Ufers lernt die Gruppe auch Léopoldine kennen. Ein menschengroßes Denkmal zeigt den französischen Schriftsteller Victor Hugo. Traurig blickt er auf die Seine. „1843 hat er hier seine Tochter Léopoldine verloren“, erzählt Errol Karakoc. „Die 19-Jährige ertrank auf der Überfahrt zum anderen Seine-Ufer.“ Mit ihr starben auch ihre Schwiegereltern und ihr ungeborenes Kind. Das dramatische Ereignis muss den Autor stark geprägt haben. In seinen Romanen wie „Die Elenden“ (Les Misérables) und der Gedichtsammlung „Les Contemplations“ versuchte er, den Verlust seiner Tochter zu verarbeiten.
Dramatisches hat sich auch in der Stadt Rouen ereignet. „Hier fand Jeanne d‘Arc 1431 im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen den Tod“, sagt Karakoc. „Nachdem sie verbrannt wurde, soll als einziges ihr Herz übriggeblieben sein. Der Henker soll es beim Anblick eiligst gepackt und in die Seine geworfen haben. Niemand sollte daraus eine Reliquie machen können.“ Die französische Nationalheilige, die auch als Johanna von Orléans in die Geschichte einging, kämpfte im Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer. Engelsstimmen, so behauptete sie, hätten sie geleitet.
Auf der spannenden Tour durch Dein Land geht es natürlich auch zu den Höhepunkten einer jeden Normandie-Reise: zum Mont St. Michel (Baubeginn der Abtei im Jahre 1017). Das Benediktinerkloster steht auf einem gigantischen Berg mitten im Wattenmeer. Die Gezeiten sorgen dafür, dass sich das Meer bis zu 15 Kilometer zurückzieht. „55 Nonnen und Mönche der Gemeinschaften von Jerusalem leben noch heute hier“, erzählt Errol Karakoc. Wie im Mittelalter herrscht hier zwischen Restaurants und Souvenirläden wuseliges Treiben. 38 Euro kostet das einfachste Omelett. Dafür ist der Ausblick grandios. Auch die berühmten Kreidefelsen in Étretat stehen auf dem Programm. Genauso wie der zauberhafte Seerosengarten des Künstlers Claude Monet und die Betonbauten des Architekten Auguste Perret in Le Havre, die seit 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Im Küstenort Arromanches, wo die Gruppe Station macht, wird am 6. Juni auch US-Präsident Trump erwartet. Vor 75 Jahren landeten hier die Alliierten und begannen von hier aus, das Naziregime in Europa zu beenden.
Weiter geht es zur wohl berühmtesten Stickerei der Welt: dem Stickbehang in Bayeux. Entstanden ist der in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. „Kunsthistoriker nehmen an, dass der 70 Meter lange Behang in einer örtlichen Stick- und Klöppelwerkstatt hergestellt wurde“, sagt Errol Karakoc. Der „mittelalterliche Comic“, der aus 58 Einzelszenen besteht, zeigt, wie aus „Wilhelm dem Bastard“ „Wilhelm der Eroberer“ wurde. Und hier kommt auch Mathilde ins Spiel, die die Avancen des berühmten Mannes (1027-1087) einst vehement ablehnte. „Lieber sterbe ich als Nonne im Kloster, als einen Bastard zu heiraten“, soll sie gesagt haben.
„Als sie irgendwann Wilhelms erneuten Heiratsantrag ausschlug, versohlte er ihr kurzerhand den Hintern und ritt davon“, erzählt der Reiseführer. „Das hatte sie wohl so beeindruckt, dass sie ihm nachritt und einer Hochzeit einwilligte.“ Schmunzelnd schüttelt Errol Karakoc den Kopf: „Da versteh‘ Mann die Frauen...“ Zum Glück muss man aber die Frauen gar nicht verstehen. Mit ihnen ist es nämlich wie mit Dir, liebe Normandie. Sie stecken voller Wunder!

Kristiane Backheuer