Reisebericht Münster -

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Zauberhafter Advent in Westfalen

Münster. Die Weihnachtsvorfreude ist zum Greifen nah. Es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Die Häuser sind in goldenen Glanz getaucht, und von überall her erklingt festliche Musik. Dass Münster eine Stadt im Weihnachtsrausch ist, stellen die Leserinnen und Leser der Kieler Nachrichten schnell fest. Auch wenn es nur vier Tage sind, an denen die Reisegruppe die westfälische Stadt mit ihren fünf Weihnachtsmärkten entdecken kann. Also nichts wie auf ins Getümmel.

04.12. - 07.12.2017

Reisebericht

Münster ist anders. Das merkt man schon auf den ersten Blick. So viele Fahrräder überall! „Hier bei uns haben die Radfahrer die Vorfahrt übernommen“, sagt Gästeführer Klaus Woestmann (50) lachend. „Auf die 310.000 Einwohner kommen 500.000 Fahrräder“, erklärt er. Sogar eine Art Autobahn nur für Radfahrer gibt es, die quer durch Münster verläuft. Nur mit den Helmen haben es die Westfalen nicht so. Kaum jemand setzt einen auf.

Nach einer kurzen Stadtrundfahrt (vorbei geht es auch an der Tuckesburg von 1883, wo der ehemalige Zoodirektor Hermann Landois einst zusammen mit einem Affen lebte. Den Überlieferungen nach soll der Affe an einer Säuferleber gestorben sein, weil er jeden Abend mit seinem Herrchen Wein trinken musste) kann die zauberhafte Innenstadt zu Fuß erkundet werden. Der St.-Paulus-Dom, der Prinzipalmarkt, die berühmten eisernen Käfige der Lambertikirche, wo die Wiedertäufer im 16. Jahrhundert ihr gespenstisches Ende fanden. Am gotischen Rathaus geht es in den holzgetäfelten Friedenssaal, wo am 15. Mai 1648 der Westfälische Frieden geschlossen wurde. Europäische Geschichte zum Anfassen.

Wenig später macht die Gruppe auch schon an einem der unzähligen Punschstände halt. Der Münsteraner Dirk Kirchner (50) hat seine Bude direkt am Denkmal des Kiepenkerls aufgebaut und rühmt sich mit dem besten „Caipi-Punsch“. „Vor sieben Jahren hab‘ ich mir diese Glühwein-Alternative ausgedacht“, sagt er verschmitzt und stampft Limetten mit braunem Rohrzucker im Glas. „Viele haben schon versucht, unsere Erfindung zu kopieren. Aber was hier drin ist, ist ein Geheimnis.“ Ein Caipirinha zur Weihnachtszeit? Warum nicht? Hauptsache, er ist warm. „Wissen Sie, warum Rosinen Helme tragen?“, fragt eine gut gelaunte ältere Frau am Nachbar-Stehtisch und prustet bei der Antwort schon los: „Weil sie aus dem Stollen kommen.“

Gute Laune zu haben ist hier in Münster ein Leichtes. Zusammen mit Stadtführerin Julia Großekathöfer (39) geht es am nächsten Tag von einem Markt zum nächsten. Über 300 Buden wetteifern mit Lichtern, Düften und Farben. „Weihnachtsmärkte kamen in Deutschland schon im 14. Jahrhundert auf“, sagt die studierte Archäologin. „Aber in Münster entstand der erste erst 1970.“ Kaum zu glauben. Wirkt es doch, als hätte es in der Stadt zur Weihnachtszeit nie etwas anderes gegeben.

Ein bisschen Abseits vom Trubel in der Windthorststraße treffen die Kieler schließlich auf Markus König, der mit seinem riesigen Kupferkessel in einer Toreinfahrt steht und Feuerzangenbowle ausschenkt. „Den Kessel hab‘ ich mir in Kufstein in Tirol anfertigen lassen“, sagt der Mann, der zünftig Trachtenjacke und Krachlederhose trägt. Eigentlich ist der 33-Jährige gelernter Hotelfachmann sowie Koch und nebenbei noch Hobbyimker mit 20 Bienenvölkern und einer riesigen Streuobstwiese. Doch nachdem er den gleichnamigen Filmklassiker mit Heinz Rühmann gesehen hatte, wusste er, dass genau das noch in Münster gefehlt hat. Er holte sich für dieses Jahr erstmals eine Schankerlaubnis, schnitt Orangen in Scheiben, kaufte unzählige Zimtstangen, Nelken und Zuckerhüte, bunkerte Hochprozentiges und legte los. „Noch muss sich herumsprechen, dass ich hier stehe“, sagt Markus König, der mit Frau und zwei kleinen Kindern in Everswinkel rund 20 Kilometer entfernt wohnt. Aber zum Glück sind die Kieler an seinem Stand. Da wird doch die Werbetrommel auch hier oben im Norden gerne gerührt.

Kristiane Backheuer