Reisebericht Ischia

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Italien wie im Bilderbuch

Ja, der Winter war lang. Nicht nur bei uns im deutschen Norden.

05.04. - 12.04.2018

Reisebericht

Auch auf Ischia kamen die ersten drei Monate dieses Jahres ungewohnt kalt und regnerisch daher, erzählt man uns. Die Ischitaner haben es vermisst, ihr ansonsten so wunderbar mildes Winterklima. Aber die Sehnsucht nach blauem Himmel und wärmenden Sonnenstrahlen wird auf der größten der Phlegräischen Inseln just an dem Tag gestillt, als die Leser der Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung den Frühling auf die Insel im Golf von Neapel mitbringen.

Ischia präsentiert sich eine Woche lang als wunderbare Gastgeberin, zeigt uns Facetten, die weit über das hierzulande vielleicht immer noch vorherrschende Kur- und Thermalbad-Klischee hinausgehen. Und trotzdem, Bäderkultur, Erholung und Entspannung sind natürlich immer noch von zentraler Bedeutung auf der 46,5 qkm großen Vulkaninsel, auch wirtschaftlich. Ischia lockt mit rund 100 Thermalquellen, radonhaltiger Tonerde für Fango und andere Schlammpackungen sowie  69 Fumarolen. Das sind  Dampfaustrittsstellen in den Rissen und an den Rändern des gestockten Lavagesteins. Da ist für jeden Kurgast, man spricht von mehr als 3 Millionen Touristen per anno, was dabei. Eine Quelle  ist gut für die Haut, eine andere für Durchblutung, Verdauung oder Rheuma. Manches hilft bei Gelenkbeschwerden, wieder anderes bei Harnwegserkrankungen.

Auf Ischia leben gut 62000 Einwohner in sechs Gemeinden (Ischia Porto/Ponte, Casamicciola Terme, Lacco Ameno, Forio, Serrara Fontana und  Barano), die sich rund um den 789 Meter hohen Epomeo gruppieren. Das Eiland bietet  die Spiaggia dei Maronti im Süden, und viele andere schöne, allerdings nicht zu weite Strände. Pinien- und Kastanienwälder prägen die Nordflanke des Epomeo, Weinberge, Zitronenhaine, Datteln, Feigen und Granatäpfeln dominieren in tieferen Lagen. Und in unzähligen Löchern in den Weinbergen sollen Tausende von Grubenkaninchen wild leben. Muss wohl stimmen, denn sie fehlen auf keiner Speisekarte.

Fast alles auf Ischia  lässt sich von der Inselrundstraße aus zu Fuß erkunden. Auf der fahren, ziemlich eng getaktet, öffentliche Verkehrsmittel. Sehr praktisch für die Orientierung: Es gibt neben einer Handvoll anderer Linien jeweils eine Busroute im Uhrzeigersinn und  eine links um die Insel herum. Ischia als Ganzes ist sehenswert, die Hauptsehenswürdigkeit an sich wohl das Castello Aragonese. Die Burgfeste im Osten ist durch eine 200 Meter lange Brücke mit dem Ort Ischia Ponte verbunden. Nach dem letzten großen Vulkanausbruch am Arso 1301 siedelten sich viele Ischitarier auf der kleinen Felseninsel gegenüber an, die auch Schutz vor Seeräubern bot. Die Spanier gaben der Festung im 15. Jahrhundert ihr heutiges Aussehen und ihren Namen. Hinter Befestigungsmauern und Wehranlagen sollen Ende des 16. Jahrhunderts 1892 Familien gelebt haben,  allein 13 Kirchen sind überliefert. Spätestens der Angriff einer englischen Flotte 1809 beendete die herausragende Stellung des Castello im Inselalltag, das sich seit 1912 nach einer Auktion in Privatbesitz befindet.


Die Griechen gründeten auf Ischia 800 v. Chr. erste Siedlungen. Oktavian aber, der spätere Kaiser Augustus, tauschte Ischia gegen Capri. Es segelten Byzantiner und Franken heran, seeräubernde Sarazenen und Normannen, dann Staufer, die Franzosen und Spanier und immer wieder Piraten. Prominentester Gast der Gegenwart ist Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin verbrachte nach der Wende zigfach ihren Osterurlaub im autofreien Sant'Angelo im Süden Ischias. Aber „Angie“ war jetzt zwei Jahre lang zu Ostern nicht da.

Ischia ist mit Abstand die größte Insel im Golf. Capri, eine Fährstunde südöstlich gelegen ist natürlich das berühmtere Eiland. Aber Capri ist nicht die  kleine Schwester. Das ist Procida - auf halbem Weg zwischen Ischia und Pozzuoli, dem Fährhafen auf dem Festland.  Procida ist nur vier Quadratkilometer groß, zählt  aber stolze 11000 Einwohner. Die Attraktion ist ein ehemaliges Gefängnis. Bis zu 500 Insassen, erst die Streiter für die Vereinigung Italiens, dann die Gegner des Risorgimento, Mafiosi, einfach nur Kriminelle, Gegner des Faschismus, dann Mussolini-Schergen selbst. Ihr Zuchthaus-Aufenthalt gab fast 1000 Insulanern Lohn und Brot. Die anderen fuhren zur See, als Kapitäne, Matrosen oder Fischer. Und das tun heute noch viele. Der Tourismus kam erst nach Procida. Deshalb  fühlt sich Procida noch immer ein bisschen  nach Italien der 60er oder70er Jahre an  ein bisschen verschlafen, mediteran gemütlich.

Capri lohnt den Tagesausflug, den wir unternehmen.  Hier ist alles exquisiter, schöner, reicher, hektischer. Geologisch gehört der Kalkstein Capris nicht zum vulkanischen Tuff der nördlich gelegenen phlegräischen Inselkette mit Ischia.

Wir besuchen das Munthe-Museum im höher gelegenen Anacapri, registrieren den hektischen Verkehr, für den nicht zuletzt  die berühmten Cabrio-Taxis und viele Kleinbusse sorgen. Auf der Bootsrundtour sehen wir die Weiße und die Grüne Grotte hautnah. Sich für den Besuch der versteckt liegenden Blauen Grotte in die Schlange der kleinen Boote mit Touristen einzureihen, die nicht wieder zurück nach Tokio, Seoul oder Schanghai dürfen, ohne das Original-Selfie von der berühmten Blauen Grotte mitzubringen, erscheint nicht wirklich verlockend.

Also zurück nach Ischia Ponte…ein richtig schönes Stück Süditalien. Ciao, bella.

Jens Kunkel