Reisebericht 100 Jahre Bauhaus

ZURÜCK Kontakt PDF E-Mail

in Weimar

Große Ideen und gewagte Experimente

100 Jahre Bauhaus

Weimar.

15.04. - 19.04.2019

Reisebericht

Ein Frauenheld, der Wildwestromane, Trakehner Pferde und Mozart liebt, revolutioniert die Welt: Als Walter Gropius vor 100 Jahren das Bauhaus in Weimar gründet, ahnt noch niemand, dass im 21. Jahrhundert die Menschen Schlange dafür stehen, um alles über ihn und seine Kreativschmiede zu erfahren. Die kleine Stadt Weimar mit ihren 66.000 Einwohnern ist seit Eröffnung des Bauhaus-Museums am 6. April ein echter Publikumsmagnet. Interessierte reisen aus der ganzen Welt an, um mehr über den Spirit der damaligen Bewegung zu erfahren. Mittendrin sind auch die Leser der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung.
„Das am meisten gebrauchte Wort 1919 war ,neu’“, sagt Stadtführerin Sabine Treiber und führt die Gruppe der Leserreise in den ersten Stock des nagelneuen Museums. „Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Leute vollkommen verunsichert. Da kam die Bauhaus-Idee von Walter Gropius gerade recht.“ Erstmals werden Design und Architektur vereint. Kunst und Handwerk arbeiten Hand in Hand. Experimentierfreudig und weltoffen gehen die Kreativen ans Werk und bringen in den Werkstätten und Ateliers Geniales hervor.
So stehen denn hier in den Vitrinen und Ausstellungsflächen die Dinge, die das Bauhaus so berühmt gemacht haben. Die kugelige Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld. Das silberne Teekännchen von Marianne Brandt. Der fast schwebende Freischwinger aus Stahlrohr von Marcel Breuer. Der bunte Segelschiff-Holzbaukasten von Alma Siedhoff-Buscher. Alles Klassiker, die es heute noch gibt.
Bauhaus-Leiter Walter Gropius schafft es 1919, die besten Lehrenden der damaligen Zeit nach Weimar zu holen. Ein bisschen spleenig sind sie alle. Der Maler Paul Klee, der nur drei Tage altes abgestandenes Wasser trinkt. Gerhard Marcks, der ohne Branntwein nicht leben kann und jedem einen einschenkt. Wassily Kandinsky, der reihenweise die jungen Studentinnen verführt. Besonders charismatisch ist Johannes Itten. Der Künstler in Kutte ist Anhänger der religiösen Lehre Mazdaznan. Er geht mit den Hühnern zu Bett und isst nur Nachtschattengewächse, die bei Vollmond geerntet wurden. Einer seiner Meisterschüler ist übrigens der Kieler Karl Peter Röhl, der später durch die Distelmännchen und das erste Bauhaus-Logo bekannt wird.
Doch leicht hat es das Bauhaus nie, wie die Leserreisen-Gruppe von Sabine Treiber erfährt. Immer wieder muss Gropius um Geld für seine Hochschule kämpfen und später sogar gegen die politischen Strömungen. Beides führt 1925 dazu, dass das Bauhaus nach Dessau zieht.
Auf der fünftägigen Reise wird schnell klar, dass das Bauhaus viel, viel mehr ist als nur das Staatliche Bauhaus. Die Teilnehmer lernen auch den direkten Vorläufer des Bauhauses kennen, die Kunstgewerbeschule Weimar. Gründer und Leiter ist Henry van de Velde. Ein belgischer Architekt, Designer und ein echtes Allroundtalent. Das wird in seinem privaten Wohnhaus „Haus Hohe Pappeln“ deutlich. „Henry van de Velde hat sein Haus von innen nach außen komponiert“, erzählt Sabine Treiber. „Er hat zudem alles selbst entworfen. Von der Kleidung für seine Frau und die fünf Kinder über die Tapeten, von Geschirr und Bestecken bis zu Türgriffen und dem kompletten Bau.“ So ist ein einzigartiges Gesamtkunstwerk entstanden. Henry van de Velde ist ein kleiner charmanter Mann mit dem Temperament eines Spaniers. Ein Mann, der zudem den leichten Schwung liebt. Das „Geböchte“, wie die Stadtführerin lachend betont.
Auch im Nietzsche-Archiv in Weimar, das die Gruppe später besichtigt, ist van de Veldes Handschrift zu erkennen. Überall das „Geböchte“ – vom Bücherregal übers Sofa bis hin zum Ofen. Hier in der Humboldtstraße in Weimar verbrachte der geistig verwirrte Philosoph Friedrich Nietzsche die letzten Jahre seines Lebens. Umgeben von der Bauhaus-Idee. Denn die Rückbesinnung auf das Handwerk eint sowohl Gropius als auch van de Velde. Einst soll Walter Gropius gesagt haben: „Unser Geist ist wie ein Regenschirm. Offen funktioniert er am besten.“ Die Besucher, die im Jubiläumsjahr zu Tausenden auf den Bauhaus-Spuren wandeln, wissen, was gemeint ist.
 
Kristiane Backheuer