Reisebericht Goslar

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Zauberhafter Advent im Harz

Weihnachten liegt in der Luft:

07.12. - 07.12.2018

Reisebericht

 Die mittelalterliche Kaiserstadt Goslar mit ihren schnuckeligen alten Fachwerkhäusern bezauberte jetzt in der Adventszeit die Leser der Kieler Nachrichten. Im dichten Weihnachtswald, der jedes Jahr in der Innenstadt aufgebaut wird, wurde der ein oder andere Glühwein getrunken. In dem 500 Jahre alten Gasthaus „Butterhanne“ gab es weihnachtlich gewürzte Gänsebrust. Namensgeber ist hier die Magd Hanne, die einst beim Buttern ihr nacktes Hinterteil gezeigt haben soll und in Goslar Kult ist. Überall in den kleinen verwinkelten Gassen leitete der Duft von Zimt, Bratäpfeln und gebrannten Mandeln den Weg. Höhepunkt waren aber die Führungen mit dem Archäologen Thomas Moritz. Mit ihm tauchte die Gruppe auf amüsante Weise tief ein in die Geschichte der Region.

„Sie wissen ja mehr als Google“, scherzte eine Teilnehmerin, als Thomas Moritz mal wieder aus dem Nähkästchen plauderte. Der 64-Jährige ist ein echtes Phänomen. Er ist Ur- und Frühgeschichtler, weiß alles über die 520 Burgen des Harzes, über die neuesten Ausgrabungen und über den Tratsch längst vergangener Zeiten. Er liebt seine Heimat durch und durch. Auch wenn er mal kurz als junger Mann als Musikredakteur in London lebte. Davon zeugt noch seine gigantische Tonträgersammlung: 20.000 LP’s und 10.000 CD’s kann er sein Eigen nennen. „Sehr zum Leidwesen meiner Frau“, erzählte er schmunzelnd.

Zwei Ausflüge machte die Gruppe mit dem Experten und war hin und weg auf diesen sogenannten „Blutlecktouren“. Es ging zum Kaiserhaus, in dem alle gekrönten Häupter der damaligen Zeit mal vorbeischauten, und in den über 47 Meter langen Saalbau. Hier zeigt eine gigantische Bilderflut im nazarenischen Malstil die Gründung des neuen Kaiserreichs. Sogar Dornröschen und Barbarossa sind auf den Gemälden zu entdecken. Die Teilnehmer sahen die St. Jakobi Kirche mit der lebensgroßen farbenfrohen Pietà aus Lindenholz, die um 1510 erstmals eine 50-jährige Maria mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus zeigte. „Das war damals eine Sensation“, sagte Thomas Moritz. „Maria wurde sonst immer als Jungfrau dargestellt, die nie gealtert ist.“ Weiter ging es vorbei an der Schule von SPD-Politiker Sigmar Gabriel, der einst mit Thomas Moritz die Schulbank drückte, vorbei am berühmten Rammelsberg, der Bergbaugeschichte schrieb, und später durch den Ort Ilsenburg, in dem der Schauspieler Georg Clooney beim Dreh zu „The Monuments Men (2014)“ den Harzer Frauen den Kopf verdrehte.

Die Tour ging auch durch kleine Dörfer, die teils völlig ausgestorben wirken. Häuser verfallen. Hotels, Restaurants und Sportanlagen sind verwaist. „Viele Pensionen sind leider in den 70er-Jahren stehengeblieben“, sagte Thomas Moritz auf der Fahrt. „Mit Namen wie Pension Edelgard und dem Bildnis des pflügenden Bauern überm Bett.“ Die einstigen Touristenhochburgen leiden zudem unter dem Klimawandel. Schneesicher ist im Harz gar nichts mehr. Erschreckend ist auch das Waldsterben ringsum. „Der Borkenkäfer ist überall“, sagte der Führer. „Dazu kommen die Stürme, die die geschwächten Bäume einfach umwehen.“ Ideale Bedingungen übrigens für die Wölfe. „Bisher haben wir hier nur wenige“, sagte Moritz, „aber ich gehe davon aus, dass sie hier bald vermehrt hochkommen.“

Gebannt lauschten die Teilnehmer wenig später der Geschichte von der Lichtensteinhöhle bei Osterode. Die Kollegin von Thomas Moritz, Katrin von Ehren, hatte 1980 hinter einer schmalen Höhlenspalte Skelette von 65 Personen aus der Endbronzezeit entdeckt. Die menschlichen Knochen stellen den weltweit größten DNA-Pool der Bronzezeit dar. Die Göttinger-Anthropologin Susanne Hummel rief 2007 die alteingesessene Bevölkerung ebenfalls zur DNA-Probe auf. „Und siehe da, noch elf Einwohner sind mit den Toten von vor fast 3000 Jahren verwandt. Mit dieser über 100 Generationen währenden Familienkontinuität ist das die älteste Großfamilie der Welt.“ Beim abschließenden Glühwein in Wernigerode surrte den Teilnehmern der Kopf. Der Harz birgt noch so viele Geschichten. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Wetten, der ein oder andere kommt auf jeden Fall noch einmal wieder?