Reisebericht Bernina Glacier

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Von St. Moritz nach Zermatt

Wenn die Gabeln von den Tischen rutschen...

09.07. - 16.07.2019

Reisebericht

...und das Bierglas droht, umzukippen, dann hat man einen der begehrtesten Sitzplätze der Schweiz ergattert. Der berühmte Glacier Express schlängelt sich zwischen St. Moritz und Zermatt gemächlich vorbei an Seen, Wäldern, Wasserfällen und verschlafenen Dörfern. Dabei erklimmt er mit Leichtigkeit auch den höchsten Punkt - den Oberalppass in 2033 Metern Höhe. Da kann das ein oder andere Glas schon mal im Schoß landen. Aber Arabella vom Service-Personal hat ein waches Auge und kennt die Strecke mit ihren Tücken. Mit einem charmanten Lächeln hatte sie den Lesern der Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung zuvor „das kleine Matterhorn“ gereicht. Einen kunstvoll gefalteten Serviettenhut in Bergform. Der saugt im Notfall alles auf.
In der handtuchschmalen Küche des Glacier Expresses wirbeln Arabellas Kollegen derweil, um das Essen für die Gäste zu zaubern. Während an den riesigen Panoramascheiben des „langsamsten Schnellzuges der Welt“ atemberaubende Gebirgslandschaften vorbeiziehen, werden nach und nach die Gänge serviert. Ein bunter Salatteller, Boeuf Stroganoff und Apfeltorte mit Vanillesoße. So lässt sich herrlich reisen. Acht Stunden dauert die Fahrt. Langweilig ist es keine Sekunde. Über 291 Brücken und durch 91 Tunnel führt die Bahn, die erstmals 1930 St. Moritz mit Zermatt verband. 291 Kilometer lang ist die Strecke. Jährlich reisen 220.000 Gäste mit und staunen über die wunderschönen Schweizer Alpen.
Ins Staunen kommt die Reisegruppe aus dem hohen Norden auch in Zermatt. Hier geht es am nächsten Tag in die Gornergrat Bahn. Die elektrisch betriebene Zahnradbahn, die als zweithöchste Bergbahn Europas gilt, schraubt sich 3.089 Meter in die Höhe und bietet eine zauberhafte Rundumsicht auf gletscherbezogene Berggipfel und das legendäre Matternhorn. Nach 33 Minuten ist das Ziel erreicht und die Luft ordentlich dünn. Aber Xaver Bächler bringt mit seinem Akkordeon, einem „Schwyzer Örgeli“, den Kreislauf wieder in Schwung. Der 74-Jährige gehört zur sechsköpfigen Folkloregruppe „Alpeglüeh“. Die Musiker haben Alphörner, Kontrabass, Kochlöffel und sogar einen Hexenbesen als Musikinstrumente dabei.
„Mit meiner Tracht gehe ich heute fremd“, sagt Xaver Bächler schmunzelnd und reckt seine bunt bestickte Brust noch ein wenig mehr gen Himmel. „Eigentlich komme ich aus der Gegend von Luzern. Aber wir alle tragen die Nidwaldner Tracht.“ Die bunten Blumen am Revers stellen eine Lebenslinie mit allen vier Jahreszeiten dar und zeigen, na klar, auch ein Edelweiß. Die Blume, die für Liebe und Tapferkeit steht.
Tapfer waren auch die ersten sieben Bergsteiger, die 1865 das Matterhorn (4478 Meter hoch) bezwangen. Vier von ihnen fanden damals beim Abstieg den Tod. Das gerissene Seil im örtlichen Museum in Zermatt zeugt noch heute von der dramatischen Besteigung. Genauso wie alte Fotos, Briefe und natürlich Ausschnitte aus dem legendären Film „Der Berg ruft“ von 1938 mit Luis Trenker. Was die wenigsten wissen: Sogar ein amerikanischer Präsident schaffte es einst auf den „Berg der Berge“. Theodore Roosevelt erklomm 1881 den höchsten Gipfel der Alpen.
Berühmtheiten gibt es auch in St. Moritz, wo die Gruppe vier Tage zuvor Station machte. Beim Schlendern durch den mondänen Ort kann man immer wieder dem ein oder anderen Weltstar begegnen. Dank der Jazztage weilten gerade Marla Glen, Chick Corea, Nigel Kennedy und Aloe Blacc im elitären Dracula Club, der nur 150 Gäste fasst und einst von Playboy Gunter Sachs gegründet wurde. Nun trägt sein Sohn Rolf die Tradition als Club-Betreiber fort. Wenn der Künstler nicht gerade in London ist, lädt er die High Society auch in sein ungewöhnliches Privat-Domizil ein - einen Steinwurf vom Club entfernt. Direkt am Golfplatz gelegen hat er sich ein altes, orangefarbenes Stadion mitsamt Turm und Umkleidekabinen gekauft und umgebaut.
In St. Moritz hat sich auch Vito Schnabel niedergelassen - der Sohn des Künstlers Julian Schnabel und Ex von Heidi Klum. Doch seine Galerie ist nur auf Anfrage geöffnet. Man bleibt wohl lieber unter sich. Schon die Preise für Ferienwohnungen machen deutlich, dass hier Geld die Welt regiert. Im Schaufenster des Immobilienmaklers nebenan wird gerade eine 1,5-Zimmer-Wohnung mit 57 Quadratmetern für 850.000 Euro angeboten.
Eine weitere Berühmtheit von St. Moritz lebte einst zurückgezogen am Waldrand. Die Künstlerin Mili Weber (1891-1978) wurde durch ihre märchenhaften Buchillustrationen bekannt. Sie schrieb aber auch Geschichten, komponierte über 200 Lieder und ein Oratorium. Dank der Museumsnacht bekommt die Gruppe Einblicke in ihr ganz privates Reich, das sonst nur auf Anfrage geöffnet wird. Ihr komplettes Haus, in dem sie 60 Jahre lang lebte, hat sie von oben bis unten mit Pflanzenmotiven und Blumenkindern verziert. Sogar im Badezimmer schauen Nixen und Frösche beim Baden zu. Die Malerin gestaltete hier ihre eigene heile Wunderwelt samt Puppenstuben und Teddyzimmer. „Einen Mann oder Kinder hatte sie nie“, sagt eine der engagierten ehrenamtlichen Führerinnen. „Sie liebte die Natur.“
Da muss die Reisegruppe aus dem Norden nicken. Ja, die Schweiz mit ihren Wäldern und Bergen, in denen nicht nur Murmeltiere und Steinböcke zu Hause sind, ist absolut zum Verlieben. Das zeigt sich nicht nur in St. Moritz, Zermatt und im Glacier Express. Sondern auch auf einer Kutschfahrt bis zum Rosegtal mitten durch die gletscherbetupften Berge vorbei an blühenden Alpenrosen und blauen Flockenblumen. Oder vom Panoramawagen des Bernina Express aus, der die Gruppe bis ins italienische Tirano brachte. Deshalb steht eins schon jetzt fest: Beim nächsten Mal wird die Schweiz nicht nur bewundert, sondern auch bewandert.


Von Kristiane Backheuer