Reisebericht Berlin

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politisch

Das „Kohllosseum“ soll noch wachsen

Eine Leserreise der KN und SZ ins politische Berlin

26.03. - 29.03.2019

Reisebericht

Ehrenamtler sind die weißen Schafe unter den Schwarzarbeitern, heißt es. Zu ihnen gehört auch Christian Bormann, der mitten in Berlin 80 Meter innerdeutsche Grenze im Urzustand entdeckte. Mit viel Mühe,  hohem Zeitaufwand, völlig ohne Bezahlung und gegen etliche Widerstände. Den Teilnehmern einer Leserreise der Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung ins politische Berlin zeigte er seine Entdeckung, die er 18 Jahre für sich behalten hatte.

„Zuerst glaubten die Behörden mir nicht", erzählte der Pankower Hobbyarchäologe, der wegen seiner Leidenschaft sogar seinen Job bei einem Fahrradhändler verlor. Ein erstes Gutachten des Landesdenkmalamtes entpuppte sich als falsch. Eine zweite Untersuchung war eindeutig: Sie gab Bormann recht in seiner Annahme, dass es sich um ein Stück der Berliner Ur-Mauer von 1961 handelte. Stark verfallen, aber ein Unikat.  Koreanische Touristen mit einem gut ausgeprägtem Geschäftssinn schalteten schnell. Mit Fahrrädern und speziell angefertigten Transportkörben schlichen sie sich auf das Gelände an der Grenze von Pankow zu Reinickendorf und pickerten Steinsplitter aus dem ehemaligen Sperrwall. „Anschließend haben sie diese dann als Glücksbringer für eine Wiedervereinigung ihres Landes verkloppt", erinnert sich Bormann. Jetzt schützt ein Zaun die Mauerreste.

Ob der hoch genug ist, kann der 39jährige Heimatforscher nur hoffen. Es kursieren Gerüchte, dass die Deutsche Bahn das Gelände am S-Bahnhof Schönholz liebend gern nutzen würde. Ein zeitgeschichtlich einmaliges Mahnmal würde da nur stören.

Mehr um Bundes- und Weltpolitik ging es beim Besuch des Reichstagsgebäudes, das heute den Plenarsaal des Bundestages beherbergt und mit seiner gläsernen Kuppel über den Dächern Berlins zu einem Wahrzeichen der Hauptstadt geworden ist. Ein ausgeklügeltes Spiegelsystem sorgt je nach Sonnenstand für optimale Lichtverhältnisse im zehn Meter tiefer gelegenen Plenarsaal.

Von hier ist es nicht weit bis zum Kanzleramt, das unter der Ägide von Helmut Kohl gebaut wurde und ebenfalls auf dem Programm der Leserreise stand. "Das ist meinem Vorgänger ja wie auf den Leib geschnitten", soll Gerhard Schröder einst gewitzelt haben, als er 2001 als erster Regierungschef den modernen, weitgehend verglasten Bau an der Spree bezog. Er gilt als das größte Hauptquartier einer Regierung weltweit. Achtmal Mal größer als das Weiße Haus in Washington. Und das „Kohllosseum“ soll noch opulenter werden. Bis 2027 soll für 460 Millionen Euro ein weiterer bogenförmiger Bürotrakt entstehen. Ob diese Zahlen öffentlicher Planung realistisch sind, wird sich zeigen.

Wesentlich enger ging es im Untersuchungsgefängnis der Stasi in Hohenschönhausen zu. Diese Stätte des Grauens  stand ebenfalls auf dem Besuchsprogramm der Leserreise. Ein ehemaliger Insasse zeigte Zellen und Verhörräume, in denen die völlig isolierten Gefangenen von gedrillten Psycho-Offizieren (bis zu vier Verhörer pro Häftling!) zu einer Mitarbeit als IM oder einem Geständnis mit anschließender Haft im Zuchthaus malträtiert wurden. Meistens nachts und gegebenenfalls nach tagelangem Aufenthalt in einer stockdunklen Gummizelle oder dem Einsatz von Gummiknüppeln, wie Hans-Jürgen Breitbarth erzählte. Sein "Verbrechen": Er hatte als 23jähriger Protestplakate gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann geklebt.

Und wieder ein aktueller Bezug zur Lokalpolitik: Ende 2018 hat der Stiftungsrat der Gedenkstätte dem bisherigen Direktor Hubertus Knabe gekündigt. Offizieller Grund: Er habe sexuelle Belästigungen von Mitarbeiterinnen durch seinen Stellvertreter nicht geahndet. Kritiker sahen in der Entlassung ein politisches Komplott des Berliner Kultursenators Klaus Lederer (Linke). Beiratsmitglieder legten aus Protest ihr Amt nieder, Knabe und Stiftung einigten sich auf einen Vergleich.

Ein Abstecher durch den Majakowskiring und Umgebung im Stadtteil  Niederschönhausen offenbarte die Entfremdung der SED-Elite von der Bevölkerung, die sich hier streng abgeschirmt hinter Schlagbaum und Mauer bis zu ihrem Umzug nach Wandlitz verschanzte. Wenn auch nur zur Miete. Lotte und Walter Ulbricht gehörten ebenso dazu wie Erich Honecker, Wilhelm Pieck oder die gefürchtete Polit-Richterin und spätere Justizministerin Hilde Benjamin. Im ehemaligen Wohnsitz des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl residiert heute auf unbescheidenen 345 Quadratmetern Wohnfläche die Schauspielerin Jasmin Tabatabai. Aber auch andere Prominente wie Gregor Gysi oder Jürgen Trittin wissen den Kiez rund um das „Pankower Städtchen“  zu schätzen.

Bekannte Persönlichkeiten diskutierten am Abend denn auch im ZDF-Studio, wo Maybrit Illner  und ihre Gäste sich der scheinbar aus dem Nichts entstandenen Jugendbewegung „Fridays for Future“ widmeten. Nach vorheriger Anmeldung und Personenkontrollen wie auf einem Flughafen konnten die Teilnehmer der Leserreise diese Debatte live vor Ort erleben, wenn auch nicht mitreden. Telegenes Klatschen war dagegen erlaubt.

Weitere Stationen: die Räume der Bundespressekonferenz sowie des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND), zu dessen Nutzern  auch die Kieler Nachrichten und  Segeberger Zeitung gehören, als auch die schleswig-holsteinische Landesvertretung. Über diese „Botschaft“ werden die Belange Schleswig-Holsteins bei der Bundesregierung vertreten und die Mitarbeit des Landes im Bundesrat koordiniert.

Eine weitere Leserreise ins politische Berlin ist bereits im Angebot. Die Fahrt dauert vom 25. - 28. Juni 2019. Auskünfte und das ausführliche Programm erhalten Sie vom KN-Lesereisenteam im Hapag-Lloyd Reisebüro (Fleethörn 1-3; Tel. 0431 / 903 - 22 86).


Manfred Gothsch