Reisebericht Bauhaus

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Dessau, Potsdam und Berlin

Die Dessauer müssen jetzt ganz tapfer sein.

30.10. - 03.11.2019

Reisebericht

Überall bevölkern derzeit Touristenhorden ihre Vorgärten. Reisegruppen trampeln in ihren Laubengängen herum, und in der Innenstadt wuselt es nur so vor lauter Architektur-Fans. Die ganze Welt scheint im Bauhaus-Fieber zu sein. Nachdem Weimar im April dieses Jahres seinen Museumsbau zu „100 Jahre Bauhaus“ eröffnet hat, zog Dessau nun mit einem nagelneuen Museum nach. Die Leser der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung sind begeistert. Nicht nur von den ausgestellten Exponaten, sondern auch von den vielen, vielen Bauhausbauten in der Stadt.

Zwar wurde die berühmte Kunst- und Designschule 1919 in Weimar gegründet. Doch nach heftigen Diffamierungen vonseiten der Nazis fanden die Bauhäusler 1925 in Dessau ein neues Zuhause. So ist die Stadt in Sachsen-Anhalt weltweit die Stadt mit den meisten originalen Bauhausbauten. Überall hinterließen so kreative Köpfe wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Paul Klee, Wassily Kandinsky oder Oskar Schlemmer ihre Spuren. Man gut, dass die Reisegruppe aus dem Norden die richtige Frau an der Seite hat.

Maren Wels ist Architektin und arbeitet ehrenamtlich für die „Stiftung Bauhaus Dessau“. Und sie ist die Frau mit dem Schlüsselbund. „Alle drei Direktoren, Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, haben hier gewirkt“, sagt sie im Bauhaus-Gebäude und schließt das ehemalige Büro von Walter Gropius im ersten Stock auf. Die Luft versetzt einen sofort in die Vergangenheit. „Das ist Triolin“, sagt sie lachend und zeigt auf den linoleum-ähnlichen Fußbodenbelag. „Der riecht nach 90 Jahren immer noch und ist zudem gesundheitsschädlich. Aber ich kann Sie beruhigen: Gropius ist 86 geworden.“ Unmittelbar neben und in dem von Walter Gropius entworfenen und in nur einem Jahr errichteten Bauhaus-Komplex studieren noch heute rund 1400 Kreative. Stühle von Marcel Breuer im Hörsaal, Lampen von Marianne Brandt in der Mensa und Bilder von Lyonel Feininger in den Fluren sorgen für Inspiration. Die Fenster öffnen sich per Kettenantrieb. Die Heizkörper sind so an den Wänden angebracht, dass sie wie ein Gemälde wirken. „Hinter jedem Möbelstück und jeder Konstruktion verbirgt sich ein brillanter Einfall“, sagt Maren Wels.

Dank des Schlüsselbunds öffnet sich auch ein historisches Studentenzimmer. „Das war damals in Zeiten von Wohnungsnot absoluter Luxus“, sagt die Architektin. „20 Quadratmeter, Zentralheizung, fließend Wasser.“ Sogar ein kleiner Balkon gehört dazu, der in allen Bauhausbüchern zu sehen ist - mit einer Schar fröhlicher Studenten, die sich über das Geländer lehnen. Ein paar Hundert Meter weiter warten dann die Meisterhäuser auf neugierige Besucher. In den drei baukastenartigen Doppelhäusern und einem Direktorenhaus aus Stahl, Beton und Glas lebten einst die berühmten Dozenten des Bauhauses. „Die Raumakustik war eine Katastrophe“, sagt Maren Wels. Zudem habe es damals ordentlich Kritik gehagelt. Die Luxusbauten mitten im Wald gefielen nicht allen. Und auch nicht die Vorstellung der Bauhäusler von modernem Wohnen mit Einbauküche und integrierten Schränken.

Als es in die Siedlung „Törten“ geht, gibt es gleich Verhaltensregeln an die Hand. Denn hier in den Bauhaus-Gebäuden leben die Dessauer. Dank der Stiftung konnten aber einige Wohnungen aufgekauft werden und dürfen nun besichtigt werden. „Bitte nicht in die Vorgärten der anderen gehen, und bitte leise lästern“, sagt Maren Wels mit einem Augenzwinkern. Vorsorglich hat eine Familie schon ein Stop-Schild aufgehängt. „Wir fühlen uns wie im Zoo“, steht dort. Kein schönes Gefühl, hier auf den Spuren des Bauhauses zu wandeln. Aber die Häuser sind faszinierend. Die Bauhäusler machten sich Gedanken über menschenfreundliche Städte, kostengünstigen Hausbau und praktische Ausstattung der Wohnungen.

Auf der Rundtour geht es auch ins alte Stahlhaus, das die Stiftung aufkaufen konnte. Ein Versuchshaus, um die Wohnungsnot in der 1920er zu mindern. „Leider ging das komplett schief“, sagt Maren Wels. „Der Stahl rostete innerhalb kürzester Zeit.“ 1932 werden die Bauhäusler aus Dessau vertrieben. Sie passen nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten. Ein Jahr in Berlin folgte. Hier in der Bundeshauptstadt wirft auch die Reisegruppe aus dem Norden einen Blick auf die enorme Schaffenskraft der Bauhaus-Vertreter. 1933 schließlich endet die Geschichte des Bauhauses. Der spätere Bauhaus-Chef Mies van der Rohe sagte einst: „Das Bauhaus war eine Idee. Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.“ Wie weit sich das Bauhaus verbreitet hat, beweist heute noch der Blick in den Küchenschrank. In fast jedem zweiten Haushalt stehen „Max und Moritz“, die Salz- und Pfefferstreuer von WMF. Eine geniale Erfindung des Bauhaus-Designers Wilhelm Wagenfeld. Schön und funktionell, wie so viele der zukunftsweisenden Einfälle der Bauhaus-Künstler.

Kristiane Backheuer